Praxisbeispiel Esri: Bruno Manser Fonds - Karten schaffen Rechte

Quelle: Bruno Manser Fonds

Der Fluss im malaysischen Regenwald, in dem das Volk der Penan seit Generationen fischt, gleicht einer erdigen braunen Brühe. Die Rodung des Regenwalds und die Verschmutzung des Wassers entzieht den Menschen die Lebensgrundlage und gefährdet ihre traditionelle Lebensweise. Doch wem gehört das Land? Karten mit harten Fakten können diese Frage nun erstmals beantworten.

Das Problem der Penan: Sie kennen keine schriftlichen Überlieferungen – benötigen jedoch Karten und Dokumente, um die Nutzung ihrer Gebiete und die Grenzen ihrer Territorien nachzuweisen und um vor Gericht Landrechte einfordern zu können. Dieses Kartenmaterial steht ihnen nun dank einer Schweizer Nicht-Regierungsorganisation (NGO) und Esri zur Verfügung. Erfahren Sie mehr im Gastbeitrag unseres IT-Partners. 

Die IT-Spenden von Esri finden Sie hier.

Quelle: Bruno Manser Fonds

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Bruno Manser: Kämpfer für die indigenen Völker

Der Schweizer Ethnologe Bruno Manser begleitete die Penan, die im Dschungel von Borneo in Indonesien/Malaysia leben, von 1984 bis 1990. Er machte Aufzeichnungen über Flora und Fauna des tropischen Regenwaldes sowie über Sprache und Kultur der Penan. Da er sich für ihre Rechte stark machte und den Rodungen des tropischen Regenwaldes entgegensetzte, wurde er von der malaysischen Regierung zur persona non grata erklärt und kehrte in die Schweiz zurück, um seinen Kampf für die Rechte der indigenen Völker und den Schutz des Regenwaldes auf internationaler Ebene von dort aus weiter zu führen.

Bruno Manser gründete dann 1992 in Basel den Bruno Manser Fond (BMF), der sich zu einem weltweit angesehenen Regenwald-Informationszentrum und einer Lobby für die indigene Bevölkerung entwickelte. Trotz Verbot reiste Manser mehrmals nach Sarawak, der Heimatregion der Penan, wieder ein. Im Jahr 2000 schließlich verlor sich seine Spur im Regenwald – er gilt als verschollen und wurde für tot erklärt.

Ein ausgezeichnetes Kartenwerk

Der BMF jedoch verwirklichte mit Unterstützung von Esri einen Traum Mansers: Die Kooperationspartner erstellten in einer Zeit von 15 Jahren auf Basis von ArcGIS das Kartenwerk „Penan Community Maps“, das 10’000 km² kartiert und gleichzeitig die traditionelle Nutzung des Regenwalds durch indigene Communities im malaysischen Teil von Borneo dokumentiert.

Quelle: Bruno Manser Fonds

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Diese Penan-Regenwaldkarten des BMF erhielten Ende Oktober 2019 den renommierten Kartografiepreis „Prix Carto 2019“ in der Kategorie Print für herausragende und innovative kartografische Werke der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie SGK.

Von mühevoller Handarbeit zum High-Tech-Einsatz

„In der Anfangsphase von 2002 bis 2006 bauten BMF-Mitarbeiter Vertrauen auf, bildeten Mitglieder der Penan-Community im Sammeln von Daten aus und stellten ihnen die technische Ausrüstung zur Verfügung, um selbst Karten ihrer Territorien erstellen zu können “, erklärt Baptiste Laville, Geograf und Leiter des Mapping-Projekts beim BMF.

Quelle: Bruno Manser Fonds

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2006 bis 2017 gingen die Penan zum ersten Mal ins Feld: Zweier-Teams besuchten die Dörfer, sammelten dort Informationen über die jeweilige Niederlassung, entwarfen erste Karten des Erhebungsgebiets und erfassten mündliche Überlieferungen. Nach Präsentation der Vorab-Ergebnisse vor den Communities und Korrekturen ging es erneut ins Feld: Es wurden Skizzen erstellt und fehlende Daten ergänzt. Diese Ergebnisse wurden den Bewohnern in den Dörfern erneut präsentiert, validiert oder gegebenenfalls korrigiert.

Im dritten Schritt kamen dann GPS-Systeme zum Einsatz. „Damit vermaßen die Penan selbständig ihren Lebensraum“, erklärt Laville. Mit GPS wurden nicht nur Koordinaten der geographischen Ausdehnung ihrer Nutzungsgebiete aufgenommen, sondern auch kulturell und historisch wichtige Orte wie Gräber oder Jagdgebiete vermerkt.

Quelle: Bruno Manser Fonds

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Die Penan lassen Drohnen fliegen

Unter Verwendung von Satellitenbildern und auf Basis von 50 Jahre alten topografischen Schwarz/Weiß-Reliefdaten der damaligen britischen “Royal Air Force” und deren Digitalisierung entstanden so detaillierte Karten. Eine Feinarbeit war indes noch nötig: die übernahmen schließlich Drohnen, die zwischen 2015 und 2017 Dörfer und schwer zugängliches Gebiet überflogen. Sie konnten fehlende Daten liefern und steuerten hochauflösende Luftaufnahmen sowie 2D-Kartierungsfunktionen bei. Auch die Drohnenflüge wurden von den Penan in Eigenregie durchgeführt.

Quelle: Bruno Manser Fonds

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Das Kartenwerk umfasst heute 23 Karten im Maßstab 1:35‘000 und verzeichnet erstmals über 7.000 Flussläufe und Bäche sowie 1.800 Berggipfel und Bergzüge mit Namen. Mehr noch: Die lokalen Kartierteams erfassten 800 Pfeilgiftbäume sowie zahlreiche Sagopalmen und Blasrohrbäume, die in der Kultur des indigenen Volks der Penan eine wichtige Rolle spielen.

Fazit: Erste Erfolge – und weitere Arbeit

Dank den gewonnenen Daten ist es beispielsweise nun auch möglich, die Überschwemmungsflächen von in ganz Sarawak geplanten Staudämme zu modellieren und somit die dort lebenden – vorher uninformierten – Waldbewohner für die drohenden Pläne zu sensibilisieren.

Dank der Karten haben sie gelernt, was Staudämme für sie bedeuten: den Verlust ihres Landes, ihrer Kultur und ihrer Identität. Sie widersetzten sich dem Schicksal der Zwangsumsiedlung und organisierten sich gegen den Bau des Baram-Staudamms, der bis zu 20.000 Indigene und 400 km² Regenwald betroffen hätte. Die Folge: Die Regierung hat auf den Bau verzichtet!

Ein weiterer Erfolg, der für Laville einen Meilenstein darstellt: Die Penan haben 2018 eine Holzfirma erfolgreich davon abgehalten, die Rodungen in den Wäldern um ihre Siedlung herum fortzusetzen. Dazu nutzten und kombinierten sie zwei Strategien: Entschlossenheit und das Kartenmaterial. Ihr Prozedere: Sie blockierten mit dem Bau eines Hauses eine Zufahrt für Holzfäller-Fahrzeuge – und sie konnten anhand der Karten des BMF das Forstamt davon überzeugen, den Befehl zum Stopp des Kahlschlags zu erteilen.

„Das Mapping-Projekt trägt Früchte und verläuft bisher sehr erfolgreich – und weitere indigene Gemeinden bekunden Interesse an der Kartierung ihres Gebietes. Das Mapping bleibt weiterhin ein essentielles Instrument für ihre Zukunft,“ so das Fazit von Laville.


Autor des Gastbeitrags: Mark Wigley von Esri

Alle Bilder nutzen wir mit freundlicher Genehmigung des Bruno Manser Fonds.